IN DEN SCHLUCHTEN DES ALLTAGS
- Gedankentheater -
Regie: Andreas Thiel
 
 

Beschreibung und Pressetext
 
 

Der Verlauf der Regennässe auf einer Betonwand, Lippenstiftspuren an einem Sektglasrand, der verblasste Streifen eines roten Löschblattes, das oben aus einem Buch herausschaut: Solchen Unscheinbarkeiten, die jeder kennt, aber selten von außen gezeigt bekommt, ist das neue Programm des Hechinger Schriftstellers und Liedermachers Christof Stählin  gewidmet. Das Thema dieses Gedankentheaters ist die Aufmerksamkeit auf das Nächstliegende, die den Betrachter befähigen könnte, über jeden Augenblick einen Roman zu schreiben.
 

Die Bühnenfigur, die sich dafür Zeit nimmt, ist ein einsamer Mann, der soeben in eine kleine Dachwohnung umgezogen ist. Während draußen alles immer schneller wird, entdeckt er die Milchstraße in seiner Kaffeetasse und schließt daraus, daß im Weltall auch nichts anderes los ist als sonst überall auch.
 
 
 "Ich hab nicht vor, jemand eins draufzugeben, ich weiß doch gar nicht, ob der das auch will!", heißt es in einem der philosophischen Lieder, von denen die Szenen und Monologe unterbrochen werden. Das bedeutet für Christof Stählin und dieses Programm den Abschied von Satire, Zynismus und Sarkasmus, wie sie zum Kabarett gehören. Dessen Spitzen und Schärfen sind durch lauter bunte Bilder aus dem geheimen Arsenal des Gegenwartsbewußtseins von jedermann ersetzt, wobei allerdings hinter einer Nichtigkeit das Universum und im Trivialen das Erhabene zum Vorschein kommen kann. Das ist zum Lachen, aber "Ernst muß sein!"
So ist der Humor.

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PRESSEKRITIK AUS DEM TAGESANZEIGER ZÜRICH
vom 10. April 2002
von Peter Schwar

MIKROGRAMME


Im Hechtplatz.Theater
bewegt sich Christof Stählin
"In den Schluchten des Alltags".
Meisterhaft.


Was für ein Dichter. Robert Walser hätte
seine helle Freude an ihm gehabt.
In seinem neuen Programm nimmt uns
Christof Stählin mit auf einen
Spaziergang, macht uns zu staunenden
Alicen, denen der aus einem alten
Buch herausragende Teil eines himbeerrosa
Fliessblatts oder ein trocken gebliebener Fleck
auf einem verregneten Parkplatz zum
Wunderland wird.


In Pyjama, Hausmatel und Panoffeln, ab und
zu an einer Teetasse nippend, lädt uns Stählin
in seine neu bezogene kleine Dachwohnung,
in die er einzig die vergangene Liebe zu
einer schönen jungen Frau und einen Anzug mit-
gebracht hat. Und wie beiläufig zieht er
uns in den Strudel seiner, unserer alltäglichen
Schluchten. Es geht los, lautet der erste Satz.
Aber was ist ES? Folgt eine Hommage
an es, eine wunderbare Sequenz über
die Doppel- und Trippelbedeutung der
Worte, ein an- und abschwellendes Spiel mit
Klängen und Anklängen, ein andauerndes
Unterlaufen der Spracherwartungen.


Der 1942 geborene Stählin ist ein Meister
des dichterischen Mikroskops. Ob er von
einer Lautung ausgehtoder von einem Gegenstand:
Die Sprache wird zum Bild und das Bild
zur Sprache. Ob sich der Duden der Recht-
schreibung verschrieben hat oder die kleine
eiserne Kriegerfigur, die unsere Fenster-
läden an die Mauer kalmmert, einnickt,
wenn sie ausrastet - immer entstehen
literarische Miniaturen, Wort-Preziosen.


Und wenn er nicht gerade einen Drudel
mimt, trägt uns Stählin zu den leisen
Klängen einer spanischen Renaissance-
Vihuela mit einem Lied über das Warum
oder über die Zypresse davon. Dann blendet
die Drachenschnurparabel das Programm
wie einen alten Schlager ins Dunkel aus.


ZITATE AUS DEN "SCHLUCHTEN"


Es kann morgen wieder regnen.
Ich könnte das nicht.


Wir leben in einer Leistungsgesellschaft.
Aber sie leistet keine Gesellschaft.


Ich hatte aus Versehen einen Brief
um eine Mark neunzig unterfrankiert.
Niemand hat es bemerkt, aber ich habe dann
die mir zustehende Parkzeit in der Innenstadt
um zwanzig Minuten unterschritten.
Es muß im Ganzen stimmen.


Halten Sie mich nicht leichtfertig für erwachsen.
Ich bin es nicht mehr.
 
 
 
 


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